Monika Birkner Vielfalt und Spezialisierung die Wahrheit

Die Wahrheit über Vielfalt und Spezialisierung

Spezialisierung sei der Weg zum Erfolg – so hören wir es immer wieder.

Aber stimmt es wirklich?

Die Wahrheit ist:

  • Großartige Leistungen basieren schon seit Jahrhunderten auf Vielfalt.
  • In Zukunft wird Vielfalt noch unverzichtbarer, zum Beispiel in Bezug auf Innovationen.
  • In bestimmen Gebieten werden auch weiterhin Spezialisten erforderlich sein. Doch in Vergleichssituationen sind Vielseitige oft erfolgreicher als Spezialisten.

Dafür gibt es mittlerweile eine nahezu überwältigende Fülle an Beispielen, Studien und sonstigen Informationen.

Ein paar ausgewählte nebst weiterführenden Ressourcen stelle ich dir in diesem Beitrag vor.

I. Vielfalt ist kein Makel

Vielseitige stehen nicht im allerbesten Ruf.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern gilt es eher als Makel, in verschiedenen Disziplinen zu Hause zu sein.

Von vielseitigen Klienten höre ich zu Beginn oft Selbstbeschreibungen wie „Im Grunde bin ich Generalist. Ich kann von vielem etwas, aber nichts richtig. Wie soll ich denn damit das Vertrauen potenzieller Kunden gewinnen?“

In einer Gesellschaft, in der Spezialisierung als der entscheidende Vorteil gilt, ist diese Befürchtung durchaus verständlich.

Doch nach der Lektüre dieses Beitrages und der weiterführenden Ressourcen kannst du sie getrost hinter dir lassen.

Denn gerade die Vielfalt kann die Ursache sein für Spitzenleistungen.

Das ist mittlerweile durch eine Fülle von Daten erwiesen.

II. Spitzenleistungen erst nach Jahren des Ausprobierens auf verschiedenen Gebieten

Beispiele von Mozart, Golf-Legende Tiger Woods und anderen Wunderkindern lassen uns glauben, dass es nur diejenigen zu Weltklasse-Erfolg bringen, die sich schon im Kindergarten-Alter voll und ganz auf eine Sache ausrichten.

Doch wie lässt sich dann der Erfolg von Tennis-Star Roger Federer erklären?

Federer war 310 Wochen Nr. 1 der Weltrangliste im Tennis. Das hat vor ihm noch niemand geschafft.

Doch sein Weg verlief ganz anders als zum Beispiel der von Tiger Woods.

In seinen frühen Jahren praktizierte Federer alle möglichen Sportarten, u.a. Fußball, Basketball, Badminton. Erst später entschloss er sich, sich voll und ganz auf Tennis zu konzentrieren.

David Epstein (s. dazu weiter unten) sieht gerade hierin die Grundlage für Federers Erfolg.

Er hat Elite-Sportler, Weltklasse-Musiker, Nobel-Preisträger und sonstige Hochleister aus verschiedensten Bereichen studiert und ist zu einem überraschenden Ergebnis gelangt:

Der beste Weg zum Erfolg ist nicht die frühe Spezialisierung oder der geradlinige Weg. Sondern viel erfolgversprechender ist es, sich zunächst einmal auf ganz unterschiedlichen Gebieten auszuprobieren.

Der beste Weg zum Erfolg ist nicht die frühe Spezialisierung oder der geradlinige Weg. Sondern viel erfolgversprechender ist es, sich zunächst einmal auf ganz unterschiedlichen Gebieten auszuprobieren. Vielfalt ist insbesondere dann von Vorteil, wenn es um Gebiete geht, die keinen festen und vorhersehbaren Regeln folgen, sondern unberechenbar und komplex sind.

David Epstein nach der Auswertung unzähliger Werdegänge von Hochleistern

Es lohnt sich, Generalist zu sein.

Das ist die unausweichliche Schlussfolgerung aus dem Buch „Range“ von David Epstein.

Mit „Range“ meint er die Bandbreite an Erfahrungen und Fähigkeiten.

Das Buch umfasst rund 300 Seiten und bietet eine nahezu überwältigende Fülle von Informationen.

Pflichtlektüre für alle Vielseitigen!

Als Einstieg sehr empfehlenswert:

III. Polymaths: Spitzenleistungen auf ganz unterschiedlichen Gebieten

Als Polymaths werden im amerikanischen Sprachgebrauch Menschen bezeichnet, die nicht nur auf einem einzelnen Gebiet Spitzenleistungen erbringen, sondern gleich auf mehreren Gebieten.

Und davon gab und gibt es sehr, sehr viele.

Hunderte von Beispielen von Polymaths aus aller Welt und allen Epochen der Geschichte hat Waqas Ahmed in seinem Buch The Polymath zusammen getragen.

Vielfalt sollte gelebt werden

Unsere heutige Gesellschaft wurde maßgeblich von Polymath-Persönlichkeiten geprägt.

Sie sind auch die diejenigen, die die Zukunft wesentlich beeinflussen werden.

Darüber hinaus sieht der Autor die Entwicklung des vielfältigen Potenzials als Weg der Selbstverwirklichung im Maslowschen Sinne.

Pflichtlektüre für alle Vielseitigen!

Polymaths haben die Gesellschaft maßgeblich beeinflusst und sind auch diejenigen, die die Zukunft in erheblichem Maße mitgestalten.

Waqas Ahmed zur Rolle der Polymaths

IV. Nur einige Beispielen von vielen

Die folgenden Beispiele stammen aus dem Buch von Waqas Ahmed.

Ich nenne lediglich ein paar relativ bekannte Namen aus der Riesenmenge und verzichte auf weitere Beschreibungen. Sonst würde dieser Beitrag ein Buch werden:-).

Denn jede dieser Personen hat ihre Meriten auf mehreren sehr unterschiedlichen Gebieten, obwohl sie in der Öffentlichkeit oft nur für eine Leistung bekannt ist. In dem Polymath-Buch sind sie ausführlich porträtiert.

  • Adam Smith
  • Albert Schweitzer
  • Aldous Huxley
  • Alexander von Humboldt
  • Aristoteles
  • Benjamin Dunlap
  • Benjamin Franklin
  • Bertrand Russell
  • Bettina von Arnim
  • Bob Dylan
  • Charles, Prince of Wales
  • David Lynch
  • Denis Diderot
  • Douglas Richard Hofstadter 
  • Elon Musk
  • Florence Nightingale
  • Francis Bacon
  • Franklin Story Musgrave
  • Fridtjof Nansen
  • Herbert Simon
  • Hermann von Helmholtz
  • Hildegard von Bingen
  • Howard Hughes
  • isaac Asimov
  • isaac Newton
  • Jean Cocteau
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Joni Mitchell
  • Konfuzius
  • Leo Tolstoi
  • Leonardo da Vinci
  • Maya Angelou
  • Margrethe II. von Dänemark
  • Michelangelo
  • Noam Chomsky
  • Pier Paolo Pasolini
  • Plato
  • Rabindranath Tagore
  • Ray Kurzweil
  • Richard Branson
  • Richard Wagner
  • Rudolf Steiner
  • Roger Scruton
  • Steve Jobs
  • Theodore Roosevelt
  • Thomas Edison
  • Thomas Jefferson
  • Tim Ferriss
  • Umberto Eco
  • Voltaire
  • Walter Raleigh
  • Winston Churchill

V. Breites Erfahrungsspektrum schlägt Spezialistentum

Spezialisten sind in der engen Box ihrer Spezialdisziplin gefangen.

Das kann in vielen Situationen ein Nachteil sein. und kann dazu führen, dass selbst hochqualifizierte Spezialisten denjenigen unterlegen sind, die auf ein breites Erfahrungsspektrum zurückgreifen können.

Eine kleine Auswahl an Beispielen:

  • Zuverlässigkeit von Vorhersagen: Im Good Judgement Project wurden in einem 4-jährigen Wettbewerb zu allen möglichen Fragen tägliche Vorhersagen abgegeben. Sieger mit großem Abstand waren Philip Tetlock und Barbara Mellers von der Universität Pennsylvania. Sie hatten Personen engagiert, die ein breites Spektrum an Themen abdeckten. ohne Spezialisten zu sein und die open-minded genug waren, sich selbst und auch untereinander im Team zu hinterfragen und ihre Annahmen zu überprüfen. Sie schlugen die Fachexperten um Längen. Noch ausführlicher Epstein in diesem Artikel.
  • Comic Buch-Autoren: Was macht den Erfolg von Comic Book-Autoren aus? Eine Studie von Alva Tylor und Henrich Greve ergab, dass ausschlaggebend nicht die Tiefe der Erfahrungen war, sondern die Breite der Erfahrungen und speziell auf anderen Gebieten. Konkret: In wie vielen von 22 möglichen Buch-Genres hatte jemand schon Erfahrung? Interessanterweise stellte sich heraus, dass Individuen, die zum Beispiel in 4 oder mehr Genres gearbeitet hatten, innovativer waren als Teams, die in ihrer Gesamtheit gleich viel an unterschiedlicher Erfahrung hatten.
  • Innovationen: Eine Studie bei 3M (u.a. bekannt durch Post.it) untersuchte, welches Erfinderprofil am meisten Erfolg versprach. Die Spezialisten mit den tiefen Erfahrungen und die breiter aufgestellten Forscher schnitten in etwa vergleichbar ab. Hingegen gab es eine Gruppe, deren Leistungen herausragten: Sie nannten sie Polymaths (in etwas anderem Sinne als Waqas in seinem Buch). Gemeint waren in dieser Studie Forscher, die ein breites Spektrum an Erfahrungen und Patente auf allen möglichen Gebieten hatten und außerdem auch vertiefte Kenntnisse an bestimmten Stellen. Ihnen gelang es, immer wieder neu aus ihrem vielfältigen Wissen zu schöpfen und dieses auf neue und unerforschte Fragestellungen zu übertragen.

VI. Ein Dach für die Vielfalt finden

Ich hoffe, die vorstehenden Beispiele haben schon dazu beigetragen, deine eigene Vielfalt mit anderen Augen zu betrachten und mehr Selbstbewusstsein dafür zu entwickeln.

Vielfalt kann sehr unterschiedlich gelebt werden.

Mein eigener Ansatz ist, die Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach zu integrieren.

Das ist mir wichtig für mich selbst.

Das ist auch ein zentraler Aspekt meiner Arbeit mit vielseitigen Solopreneuren, zum Beispiel in meinem Positionierungsprogramm Positionierung & Transformation.

1. Das Aneinanderreihen von Einzelelementen reicht nicht aus, um das Dach zu finden

Vielseitige Solopreneure versuchen oft, das Dach so zu finden, dass sie alle ihre Angebote, Fähigkeiten etc. nebeneinander stellen und dann überlegen, was denn als Dach darüber passen könnte.

Im Einzelfall mag das mal funktionieren.

Doch mehrheitlich scheitern diese Versuche meiner Beobachtung nach.

Der Grund dafür ist, dass die Aneinanderreihung der Einzelelemente zu sehr an der Oberfläche bleibt.

Wichtig hingegen ist, das zu finden – oder zu schaffen – , was die Einzelelemente innerlich zusammen hält.

2. Das Verbindende finden: Beispiel von Tim Ferriss

Das Verbindende ergibt sich, wenn du in die Tiefe gehst, statt an der Oberfläche zu bleiben.

Es kann sein, dass du dabei ein wiederkehrendes Muster entdeckst.

Ein Beispiel dafür ist Tim Ferriss. Bekannt geworden ist er durch sein Buch „The 4 Hour Workweek“.

In den meisten Beschreibungen über ihn, selbst auf seiner eigenen About-Seite, findest du eine Auflistung von Einzelleistungen auf sehr unterschiedlichen Gebieten. Doch der rote Faden ist schwer oder gar nicht zu erkennen.

In dem o.e. Buch von Waqas Ahmed ist er ausführlich porträtiert.

Und dabei kommt zum Vorschein, dass sein „Dach“ ist, wie man am besten vorgeht, um schnell etwas Neues zu lernen.

Er hat dafür ein eigenes Framework geschaffen: DSSS.

Die Buchstaben stehen für: Deconstruct, Selection, Sequences, Stakes.

Ich will hier nicht auf die Details eingehen. In diesem Interview erklärt Ferriss selbst die Methode. Eine Kurzfassung findest du in diesem Artikel oder in diesem illustrierten Video.

In diesem Licht betrachtet, fügen sich die Einzelheiten seines Lebenslaufs und seiner Leistungen sehr schön zusammen.

3. Das Verbindende schaffen: Dein WHY kann dir dabei helfen

Meiner Erfahrung nach ist neben dem Entdecken von Mustern sehr oft noch ein weiterer Schritt nötig: Nämlich die zielgerichtete Ausrichtung.

Mit meinen Klienten arbeite ich daher fast immer erst an der umfassenden Vision. In meinem Programm „Positionierung & Transformation“ nenne ich das Innere Positionierung.

Letztlich geht es dabei um das heute so oft zitierte WHY: Was treibt dich an? Was willst du bewirken?

Das Denken vom Ende her ist dabei sehr nützlich.

Es ist damit auch eine bewusste Entscheidung verbunden.

Ein inneres Commitment, wofür du dich einsetzen willst und dass du dich dafür einsetzen willst.

Das Schürfen in der Tiefe bringt zutage, was alles da ist. Und der Akt der Entscheidung, wohin du dich ausrichten willst, hilft dann bei der Integration und dient dir als Kompass für deine weiteren Aktivitäten.

VII. Wie sind deine Erfahrungen mit Vielfalt?

Lass uns wissen, wie du selbst über Vielfalt denkst bzw. wie deine Erfahrungen sind. Was nimmst du aus diesem Beitrag mit? Welche Fragen hast du?

Wenn du mehr dazu erfahren willst, wie du als vielseitiger Solopreneure deine Vielfalt positiv nutzen kannst, abonniere gern meinen Business Transformation Letter für vielseitige Solopreneure oder/und meinen Newsletter „vielseitig produktiv“.

Bildnachweis:

3 Kommentare zu „Die Wahrheit über Vielfalt und Spezialisierung“

  1. Pingback: Links am Sonntag, 11.10.2020 – Eigenerweg

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