Ist Perfektionismus  ein  Feind, der bekämpft werden muss? Ist „unperfekt“ der neue Standard?  Meine Antwort: Ein klares NEIN.

„Unperfekt“  hat mehr Risiken als Vorteile.

Hohe Qualitätsmaßstäbe sind Ihnen selbst und Ihrem Business förderlicher – vorausgesetzt, Sie beherzigen die drei Prinzipien, die ich in dieser Episode erläutere.

Erfahren Sie außerdem, was Schokoriegel und zerbrochene Fenster damit zu tun haben.

I. Perfektionismus: Kein zwanghaftes Verhalten, aber hohe Maßstäbe

Um es ganz klar  zu sagen: Wenn im Folgenden von Perfektionismus die Rede ist, dann ist damit keineswegs zwanghaftes Verhalten gemeint.

Sondern ich verwende den Begriff, weil ich ihn so sehr oft höre. Und zwar in Situationen, in denen es einfach nur um hohe Maßstäbe geht.  Hohe Qualitätsstandards. Hohe Ansprüche an die Ergebnisse, die man produziert.

Hohe Maßstäbe finde ich gut.

Ich möchte als Kunde nicht zu einem Arzt gehen, der es bei der Diagnose oder bei seinen Maßnahmen nicht so genau nimmt.

Und das gilt auch für alle anderen Dienstleistungen und Produkte, die ich in Anspruch nehme.

II. In der Markenartikelindustrie gelernt: Marke = gleichbleibend hohe Qualität

Vor meiner Selbstständigkeit hatte ich in der Markenartikelindustrie gearbeitet, und zwar für sehr angesehene Marken. Mein Markenverständnis rührt aus dieser Zeit.  Es besagt:

Eine Marke verspricht gleichbleibend hohe Qualität.  Dieser Anspruch muss erfüllt werden, Tag für Tag.

Im Podcast erzähle ich ein Beispiel, in dem es um Schokoladenriegel geht und das sehr schön deutlich macht, wie penibel über diesen Anspruch gewacht wurde.

Gleiches galt in der Anwaltskanzlei, in der ich gearbeitet habe und die seinerzeit zu den Top 10 Arbeitsrechtskanzleien in Deutschland gehörte.

III. Ist „unperfekt“ der neue Standard? Woher kommt der Ruf nach „Unperfektion“?

Mein Eindruck ist, dass der Ruf nach „Unperfektion“ ständig zunimmt.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht über so etwas stolpere. „Lieber schnell als perfekt.“ – „Gut ist gut genug.“ – „Es muss nicht perfekt sein.“ – so und ähnlich tönt es aus vielen Mündern.

Woher kommt das? Warum nimmt das immer mehr zu?

Die Hintergründe zu kennen, kann dabei helfen, diese neuen Rufe besser einzuschätzen. Ich sehe drei Entwicklungstrends, die hier zusammen kommen:

  • Ursache #1: Überforderung generell und speziell als Solo-Unternehmer, sowie Angst vor Ablehnung
  • Ursache #2: Trend zu Authentizität, verstanden als Offenlegen von Fehlern und Schwächen
  • Ursache #3: Die Lean-Startup-Bewegung

Ursache Nr. 1: Überforderung generell und speziell als Solo-Unternehmer, sowie Angst vor Ablehnung

Das Leben wird immer komplexer, und für Solo-Unternehmer in einem noch größeren Maße.

„Unperfekt“ scheint ein Weg zu sein, um überhaupt irgendwie durchzukommen.

Und das kann ich verstehen.

Doch es gibt andere Wege, wie ich gleich zeigen werde.

Hinzu kommt noch die Angst vor Ablehnung.

Diese führt oft dazu, dass man nicht an den Markt geht, sondern lieber noch weiter an seinem Blogartikel oder seinen Angeboten feilt.

Und das kann ich ebenfalls verstehen.

Denn Ablehnung wird vom Gehirn in derselben Region verarbeitet wie physischer Schmerz.

Kein Wunder, dass Ablehnung weh tut und kein Wunder, dass man sie vermeiden möchte.

Doch auch hier ist „unperfekt“ weder der einzige noch der beste Weg.

Ursache Nr. 2: Trend zu mehr Authentizität, verstanden als Offenlegen von Fehlern und Schwächen

Seit Jahren gibt es einen Trend, wenn nicht sogar eine Mega-Trend zu Authentizität.

Nicht mehr nur das Makellose wird als schön und gut angesehen.

Nicht mehr nur der schöne Schein zählt.

Sondern ein Mode-Model darf Sommersprossen haben. Kleidung und Möbel dürfen gebraucht aussehen und gewinnen dadurch erst ihren Chic. Gefühle sind nicht mehr tabu, auch nicht im Wirtschaftsleben.

Doch Authentizität muss nicht zwangsläufig heißen, Fehler und Schwächen zu zeigen.

Es kann auch bedeuten, sein Licht zu zeigen, statt es unter den Scheffel zu stellen.

Ursache Nr. 3: Die Lean-Startup-Bewegung

Ein dritter Trend kommt aus der Lean-Startup-Bewegung.

Das ist eine Bewegung, die speziell Software-Startups betrifft und das Ziel hat, möglichst schnell an den Markt zu gehen und aus der Marktresonanz zu lernen.

Doch das bedeutet nicht, einfach etwas Unperfektes auf den Markt zu werfen. Sondern oftmals sind damit Tests verbunden, die mit geradezu wissenschaftlicher Akribie durchgeführt werden.

IV. Risiken von Unperfektion, speziell für Solo-Unternehmer

Es zeigt sich also, dass es sehr machtvolle Entwicklungen gibt, die erklären können, warum „unperfekt“ mehr und mehr „in“ ist.

Sich diese Entwicklungstrends bewusst zu machen, ist wichtig, um den Ruf nach „unperfekt“ besser einordnen zu können.

Doch ich will auch die Risiken aufzeigen.

Und die sind nicht unerheblich, wie ich durchaus aus eigener Erfahrung weiß.

Danach komme ich dann zu konkreten Möglichkeiten, wie Sie weiter vorgehen können.

Die Risiken von Unperfektion für Sie als Solo-Unternehmer  sind mehrfacher Art:

Risiko Nr. 1:  Innerer Wertekonflikt

Sie riskieren, im Wertekonflikt mit sich selbst zu sein.

Ich glaube, dass es ein natürliches Streben gibt, Gutes zu leisten.

Ich meine das jetzt nicht im moralischen Sinne, sondern bezogen auf Qualitätsstandards.

Diese Annahme liegt auch meinem Freedom Business Konzept zugrunde.

In Episode 2 bin ich näher darauf eingegangen.

„Unperfekt“ zu handeln, kann dazu führen, ständig mit den eigenen inneren Maßstäben im Konflikt zu sein.

Risiko Nr. 2: Ausweitungen auf andere Bereiche und was die Theorie der zerbrochenen Fenster damit zu tun hat

Hinzu kommt, dass sich das „Unperfekte“ nach und nach auf andere Bereiche ausweiten kann.

Interessant in dem Zusammenhang ist die Theorie der zerbrochenen Fenster („broken window theory“). Sie besagt, dass da, wo etwas nicht in Ordnung ist, sich mehr davon ansammelt.  Und umgekehrt.

In New York hat diese Theorie vor Jahren zu spektakulären Ergebnissen bei der Bekämpfung von Kriminalität geführt.

Die Polizei ging nämlich schon bei kleinsten Delikten dagegen vor und ließ so gar keine „zerbrochenen Fenster“ aufkommen.

Risiko Nr. 3: Negative Auswirkungen auf Ihre Positionierung

Ein weiteres Risiko betrifft die Auswirkungen nach außen.

Wenn Sie „unperfekt“ zum Maßstab erheben, besteht das Risiko, als Mittelmaß angesehen zu werden.

Als austauschbar.

Als einer oder eine unter vielen.

Mit Premium-Positionierung und Premium-Produkten ist das nicht kompatibel.

Natürlich ist es jedem freigestellt, ob er Premium-Positionierung anstrebt.

Ich halte es für den besseren Weg als die Austauschbarkeit.

V. Wie kann es anders gehen?

Kommen wir nun zu der spannenden Frage, wie es anders gehen kann.

Wie Sie Ihre hohen Maßstäbe wahren können, ohne sich zu überfordern.

Wie Sie sich mit dem, was Sie bisher als Perfektionismus im Sinne von Schwäche gesehen haben, wohl fühlen und positiv weiter entwickeln können.

Perfektionismus-Tipp Nr. 1: Wählen Sie einen adäquaten Maßstab

Die erste Empfehlung ist:  Wählen Sie einen adäquaten Maßstab.

Für das erwähnte Beispiel der Schokoladenriegel gilt ein absoluter Maßstab. Der ist in dem Fall auch sinnvoll.

Für Sie als Solo-Unternehmer ist ein absoluter Maßstab weder sinnvoll noch möglich.

Auch der Vergleich mit anderen taugt als Maßstab allenfalls bedingt.

Betrachten Sie stattdessen die jeweilige Situation als Ganze und geben Sie Ihr Bestes, so wie es in dieser Situation möglich ist.

Es gibt viele Rahmenbedingungen, die eine Rolle spielen:

  • Ihr eigener Entwicklungsstand
  • Rahmenbedingungen, die vom Kunden kommen wie Budgetvorgaben oder zeitliche Vorgaben
  • außergeschäftliche Einflüsse wie kranke Eltern oder Kinder und vieles mehr.

Alles das beeinflusst die Qualität Ihrer Leistung.

Wenn Sie sich bewusst machen, unter welchen Rahmenbedingungen Sie agieren, dann hilft das im Rückblick wie auch bei der Planung.

  • Im Rückblick hilft es, nicht unnötig streng mit sich ins Gericht zu gehen, wenn Ihre Leistung nicht absolut perfekt war. Sondern Sie können sie dann in Relation setzen zu den jeweiligen Rahmenbedingungen. Wenn Sie Ihr Bestes unter den jeweiligen Umständen gegeben haben, dann ist es gut. Dann können Sie stolz sein auf sich. Und wenn nicht? Nun, dann können Sie es beim nächsten Mal besser machen.
  • Im Vorfeld hilft das, sich von vornherein bewusst zu machen, was Sie unter diesen Rahmenbedingungen leisten können und was nicht.  Es kann auch dazu führen, dass Sie besonders kreativ werden. Viele kreative Leistungen sind entstanden aus Limitationen heraus. Oder es hilft, mit dem Kunden neue Rahmenbedingungen oder neue Konditionen zu verhandeln.

Den adäquaten Maßstab zu wählen, ist etwas anderes, als den Maßstab zu senken und das Unperfekte zum neuen Perfekten machen.

Das Wichtigste, was ich aus meinen eigenen Erfahrungen gelernt habe: Wenn ich für mich selbst sagen kann, dass ich unter den gegebenen Umständen, wie immer diese beschaffen waren, mein Bestes gegeben habe, dann gibt mir das inneren Frieden.

Mein Bestes  zu geben, das ist etwas, das ich selbst in der Hand habe.

Vieles andere kann ich nicht oder nur teilweise beeinflussen.

Perfektionismus-Tipp Nr. 2: Schrittweises Vorgehen und jeden Schritt individuell bewerten

Gehen Sie schrittweise vor und bewerten jeden Prozess-Schritt anhand dessen eigenen Maßstäben.

Oft erlebe ich, dass Solo-Unternehmer frühe Stadien von etwas am Maßstab des fertigen Produktes messen und dann unzufrieden mit sich sind.

Ein Text beispielsweise, ob ein Blogartikel oder ein Text für die Website oder ein Buch, durchläuft in der Regel mehrere Stadien.

Für den ersten Entwurf gelten andere Kriterien als für den fertigen Text.

Schon sich das bewusst zu machen und ganz bewusst Ihre Prozesse in kleine Schritte zu unterteilen, kann viel Stress herausnehmen.

Sie müssen dann keineswegs mit dem Etikett „unperfekt“ herumlaufen.

Sondern ein Entwurf kann ein perfekter Entwurf sein, auch wenn er unter dem Aspekt des fertigen Textes wie eine Katastrophe wirken kann.

Perfektionismus-Tipp Nr. 3: Systeme schaffen für wiederkehrende Aufgaben

Systeme für wiederkehrende Aufgaben haben mehrere Vorteile.

  • Zum einen erleichtern sie gute Ergebnisse. Das gilt für ein System, wie es einem Premium-Produkt zugrunde liegt. Das gilt auch für interne Systeme, die Sie nutzen, zum Beispiel ein System für das Publizieren Ihrer Blogartikel.
  • Systeme haben darüber hinaus noch einen weiteren Vorteil: Sie bedeuten psychische Entlastung. Sie müssen nicht alles persönlich nehmen. Ob etwas gelingt oder nicht gelingt, hat nicht unbedingt mit Ihrer Person, Ihren Fähigkeiten, Ihrer Eignung für die Selbstständigkeit zu tun. Sondern es hat damit zu tun, sinnvolle Systeme zu schaffen. Wenn etwas nicht gelingt, ändern Sie das System. Sie brauchen sich dann nicht selbst in Frage zu stellen. Sie sind weiterhin ok. Lediglich Ihr System lässt sich optimieren. Mehr dazu können Sie hier lesen.

Zusammenfassung

  • Das Streben nach Perfektion ist nicht per se etwas Schlechtes. Ich möchte Sie sogar ermutigen, sich selbst die Latte hoch genug zu legen.
  • „Unperfekt“ zu handeln, kann in bestimmten Situationen wie ein Befreiungsschlag wirken und ist vielleicht ein wichtiges Zwischenstadium. Auf Dauer können allerdings gravierende Nebenwirkungen auftreten. Stichwort: Die Theorie der zerbrochenen Fenster. Wenn Sie in einem Bereich Ihre Maßstäbe senken, weitet sich das schnell unbemerkt auf immer mehr Bereiche aus und irgendwann schauen Sie in den Spiegel und möchten mit der Person, die Sie dort sehen, nicht mehr gern etwas zu tun haben.
  • Hinzu kommt, dass Sie sich damit Ihre Situation am Markt unnötig erschweren. Wenn Sie sich positionieren als jemand, der es nicht so genau nimmt, ist es schwer, damit Kunden anzuziehen, die Wert liegen auf hohe Qualität. Sie geraten in Gefahr, austauschbar und als Mittelmaß  zu erscheinen. Das Streben nach Premium-Positionierung halte ich für eine aussichtsreichere Strategie.
  • Meine Annahme  aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen ist, dass Menschen danach streben, ihr Potenzial zu entfalten und gute Leistungen zu erbringen. Tun Sie das auch weiterhin. Sie brauchen nicht Ihre Maßstäbe zu senken. Was stattdessen nützlicher ist:
  • Tipp #1: Wählen Sie einen adäquaten Maßstab: abhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen, statt sich an absoluten Maßstäben oder Vergleichen mit anderen zu orientieren.
  • Tipp #2: Unterteilen Sie Ihre Prozesse in kleine Schritte und bewerten jeden Schritt nach dessen eigenen Maßstäben. Für einen Textentwurf gelten andere Kriterien als für einen fertigen Text.
  • Tipp #3: Schaffen Sie sich Systeme, um so gleichbleibend hohe Qualität zu produzieren.
  • Bei Premium-Produkten, so wie ich sie in Episode 4 dargestellt habe, haben Sie den Prozess vorab durchdacht  und systematisiert. Damit besteht eine hohe Chance auf gute Ergebnisse. Gleichzeitig fordern Sie sie heraus, Ihr Bestes zu geben. Und indem Sie das tun, sind Sie im Einklang mit Ihren Werten.
  • Das ist generell meine Empfehlung: Geben Sie Ihr Bestes unter den gegebenen Bedingungen und Sie können im Frieden sein mit sich selbst.

Mit diesem Beitrag nehme ich teil an der „sei-unPerfekt“-Blogparade von Jutta Held. 

Weiterführende Links:

Bildnachweis:

hahnsinn – Büro für Design & Webentwicklung 

 

Ich bin Monika Birkner und unterstütze vielseitige Solopreneure & Multipreneure, gerade wegen ihrer Vielfalt erfolgreich zu sein und ein Business zu schaffen, das größer ist als sie selbst.

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